Wenn Jeremy Brägger morgens das Gebäude betritt, beginnt sein Arbeitstag wie jeder andere – und doch ist er anders. Jeremy ist gehörlos. Was ihm fehlt, gleicht er mit Aufmerksamkeit, Präsenz und einem geschulten Blick für Details mehr als aus.
Seit Juni 2025 arbeitet der 22-Jährige als technischer Hauswart bei ISS im Mandat eines grossen Telekommunikationsunternehmens. Er ist heute ein fester, geschätzter Teil des Teams rund um Marcel Hollenstein und Reto Kohler – fachlich wie menschlich.
Im Arbeitsalltag zeigt Jeremy, dass Inklusion nichts Abstraktes ist. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich aufeinander einzulassen und sich mit Offenheit sowie gegenseitigem Verständnis zu begegnen. Mit Lernbereitschaft und viel Engagement lebt Jeremy vor, wie Zusammenarbeit funktioniert. Auch dann, wenn Kommunikation neue Wege braucht.
Jeremy, wie bist du auf die Stelle bei ISS aufmerksam geworden und was hat dich daran gereizt?
Ich habe zuerst eine Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt abgeschlossen. Danach war ich aus gesundheitlichen Gründen längere Zeit ohne Arbeit, was den Wiedereinstieg nicht einfach gemacht hat. Über die Eingliederungsmassnahmen der IV habe ich mich bei verschiedenen Unternehmen beworben – unter anderem auch bei ISS. Nach einem Gespräch und einem Schnuppertag ging plötzlich alles sehr schnell und ich konnte hier starten.
Wie hast du deinen ersten Arbeitstag erlebt?
Es war unglaublich (lacht). Einerseits war ich etwas unsicher, weil ich fast zwei Jahre nicht gearbeitet hatte. Gleichzeitig war ich sehr positiv überrascht: ein neues Team, neue Aufgaben, neue Perspektiven. Es war ein richtig guter Start.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Team?
Sehr gut. Am Anfang war auf beiden Seiten eine gewisse Unsicherheit da, aber das hat sich schnell gelegt. Wir haben gute Wege gefunden, miteinander zu kommunizieren: schriftlich, persönlich und klar. Hochdeutsch kann ich am besten verstehen, Schweizerdeutsch fällt mir deutlich schwerer.
Was hilft dir im Arbeitsalltag besonders?
Schriftliche Arbeitsaufträge sind für mich zentral, zum Beispiel über digitale Tools oder per Nachricht. Persönliche Gespräche funktionieren sehr gut, wenn man mich anschaut und deutlich spricht. Ich trage Hörgeräte, höre ein wenig und lese von den Lippen ab – das hilft mir sehr.
Du bist gehörlos bzw. schwerhörig. Wie nimmst du deine Umgebung wahr – und gibt es Dinge, die du vielleicht anders erlebst als hörende Menschen?
Ja. Da das Gehör wegfällt, bin ich sehr visuell unterwegs. Auch das Körpergefühl und das Wahrnehmen allgemein sind stärker ausgeprägt. Ansonsten fühle ich mich aber nicht gross anders als hörende Menschen.
Was können hörende Menschen von dir lernen?
Vielleicht eine andere Perspektive. Die Welt für gehörlose Menschen funktioniert anders und aus meiner Sicht müssen wir uns fast immer der «hörenden Welt» anpassen, um uns bestmöglich entwickeln zu können. Umso schöner wäre es, wenn auch hörende Menschen offen dafür wären, mitzusehen und mitzufühlen, was in unserer Welt passiert – um einander besser zu verstehen.
Was sind für dich die grössten Herausforderungen im Alltag?
Hören und Verstehen, vor allem am Telefon. Das ist eine klare Einschränkung. Deshalb bin ich sehr froh, dass bei uns vieles schriftlich läuft. Funkgeräte oder rein telefonische Tätigkeiten wären für mich schwierig oder sogar unmöglich.
Wie erlebst du Inklusion bei ISS?
Sehr positiv. Wir kommunizieren im Team ganz normal. Besonders schön finde ich, dass meine Kolleginnen und Kollegen ganz unerwartet anfangen, einzelne Gebärden zu lernen – das ist für mich etwas Besonderes.
Welche Aufgaben übernimmst du aktuell?
Ich arbeite im Hauswartbereich und habe neu auch Aufgaben im technischen Gebäudemanagement übernommen. Das ist für mich neu und genau das mag ich. Ich liebe neue Herausforderungen!
Und wie wurde aus dem Arbeitsversuch eine Festanstellung?
Ich habe mich während der sechsmonatigen Eingliederungsmassnahme gut ins Team integriert. Wir haben uns organisatorisch gegenseitig angepasst und passende Kommunikationswege gefunden. Nach dieser Zeit konnte ich fest angestellt werden.
Welche Ziele hast du für die Zukunft?
Ich möchte mich weiterentwickeln – fachlich und persönlich. Lernen, lernen, lernen (lacht). Mein Ziel ist es, immer weiterzukommen, solange es möglich ist.
Wenn du deine bisherige Erfahrung im Berufsleben und im Alltag in einem Satz zusammenfassen müsstest – welcher wäre das?
Ich kann nur schlecht hören – alles andere kann ich.
Vielen Dank, Jeremy, für das offene Gespräch und die ehrlichen Einblicke in deinen Alltag. Deine Haltung, dein Engagement und deine Perspektive sind eine echte Bereicherung. Wir freuen uns darauf, deinen weiteren Weg bei ISS mitzuverfolgen.
Das Interview wurde mit Unterstützung einer Dolmetscherin geführt, die zwischen Gebärdensprache und Lautsprache übersetzte. Wer mehr über die Gebärdensprache erfahren möchte, findet weiterführende Informationen im Gebärdensprachenlexikon des Schweizerischen Gehörlosenverbunds:
DE: Gebärdensprache Lexikon - Gebärden Online-Lexikon SGB-FSS
FR: Lexique de langue des signes - Lexique des signes SGB-FSS
IT: Dizionario segni - Dizionario segni SGB-FSS
Über Jeremy
Jeremy ist 22 Jahre alt und sportlich aktiv. In seiner Freizeit treibt er viele verschiedene Sportarten und spielte früher als Goalie Eishockey. Er trifft sich gerne mit Freunden und arbeitet mit viel Leidenschaft handwerklich. In seiner Garage tüftelt er, repariert und schraubt auch mal an Autos.
Jeremy ist in einer gehörlosen Familie aufgewachsen, sodass Gebärdensprache von klein auf Teil seines Alltags war.
So gelingt Integration im Arbeitsalltag
Jeremy hat sich ganz normal bei uns beworben. Nach dem Bewerbungsgespräch haben wir einen Schnuppertag vereinbart und da war für mich schnell klar: Das passt. Im Anschluss startete er im Rahmen einer sechsmonatigen Eingliederungsmassnahme der IV. Wir haben uns in dieser Zeit regelmässig ausgetauscht und Feedbacks gegeben. Die Zusammenarbeit war von Anfang an sehr positiv.
Uns war wichtig, gemeinsam gute Lösungen für die Kommunikation im Alltag zu finden. Mit schriftlichen Aufträgen, digitalen Tools und klarer, direkter Ansprache funktioniert das sehr gut. Persönliche Gespräche sind problemlos möglich, wenn man sich Zeit nimmt, deutlich spricht und Blickkontakt hält. Besonders beeindruckt mich dabei immer wieder Jeremys klare Aussprache, seine Offenheit und seine ruhige, positive Art.
Nach Abschluss der Eingliederungsphase konnten wir ihn fest anstellen. Ich habe ihn bewusst Schritt für Schritt integriert und war ehrlich gesagt fasziniert von seiner Arbeitsleistung. Jeremy arbeitet sehr exakt, effizient und ist dabei immer freundlich. Sowohl im Team als auch beim Kunden wurde er von Anfang an herzlich aufgenommen.
Ich lege grossen Wert darauf, Mitarbeitende weiterzuentwickeln, die vorankommen wollen und Jeremy gehört ganz klar dazu. Wir haben über Weiterbildungen gesprochen und bereits erste Schritte im technischen Bereich umgesetzt. Langfristig kann ich mir gut vorstellen, ihn weiter aufzubauen, vielleicht sogar bis hin zum Pikettdienst.
Was ich besonders schätze: Jeremy hätte auch andere Wege gehen können, entschied sich aber bewusst dafür, Teil unseres hörenden Arbeitsumfelds zu sein und sich täglich neuen Herausforderungen zu stellen. Das verdient grossen Respekt.

Marcel Hollenstein und Jeremy Brägger